Man hört sie, bevor man sie sieht. Schon auf der letzten Kurve nach Krimml dringt ein tiefes, gleichmäßiges Rauschen durch das open Fenster — und dann öffnet sich der Blick auf etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt. Die tosenden Wassermassen stürzen in drei Kaskaden über insgesamt 380 Meter in die Tiefe. Höher fällt kein Wasser in Österreich. Und kaum irgendwo sonst in den Alpen sitzt der erste Eindruck so tief.
Vom Hotel Der Königsleitner sind es rund 12 Kilometer — etwa eine Viertelstunde hinab ins Tal nach Krimml. Ein Ausflug, der sich problemlos mit einem halben Tag einplanen lässt, und den kaum jemand bereut.
Die Krimmler Ache ist ein Gletscherbach. Über zwölf Prozent ihres Einzugsgebiets sind vergletschert — das merkt man an der Wassermenge, die je nach Tageszeit und Jahreszeit stark schwankt. Ende Juni und im Juli, wenn die Schneeschmelze in den Hochlagen auf Hochtouren läuft, sind die Fälle am gewaltigsten.
Das Wasser nimmt sich drei Etappen:
Der untere Fall fällt mit 140 Metern steil in das Talbecken von Krimml — laut, breit, sofort präsent. Der mittlere Fall überwindet weitere 100 Meter über mächtige Felsplatten, schmaler und konzentrierter als die erste Stufe. Der obere Fall schließlich, mit 145 Metern die höchste der drei Kaskaden, trifft man erst ganz oben am Einstieg ins Hochtal — und er wirkt, als hätte man das Beste für den Schluss aufgespart.
Dass diese Stufen überhaupt so erhalten geblieben sind, hat einen geologischen Grund: An dieser Stelle tritt das sogenannte Tauernfenster zutage — hartes Granitgestein, das das Wasser über Jahrtausende nicht abtragen konnte, während es das weichere Umgebungsgestein längst weggeschliffen hat.
Der Weg zu den Wasserfällen ist kein improvisierter Pfad. Die Sektion Warnsdorf des Österreichischen Alpenvereins legte ihn um 1900 an, seither wird er laufend gepflegt. Auf rund vier Kilometern schlängelt er sich in Serpentinen nach oben, vorbei an benannten Aussichtskanzeln — dem Bergerblick, der Riemann-Kanzel, der Schönangerl-Aussicht — und immer wieder direkt in die Gischt hinein.
Schon nach zehn bis fünfzehn Minuten ab dem Parkplatz steht man vor dem untersten Wasserfall. Dieser Abschnitt ist breit, befestigt und auch mit Kinderwagen problemlos begehbar. Wer alle drei Stufen bis zur obersten Kanzel aufsteigen möchte, überwindet auf dem Wanderweg insgesamt knapp 430 Höhenmeter und plant dafür rund eineinhalb bis zwei Stunden ein — je nachdem, wie oft die Kamera gezückt wird.
Oben angekommen wartet eine Überraschung: Das Krimmler Achental öffnet sich plötzlich weit und still. Almwiesen, mäandernden Bäche, Berghütten mit Jause — ein vollständig anderer Rhythmus als der tosende Aufstieg davor.
Was die Krimmler Wasserfälle von anderen Naturschauspielen unterscheidet, ist wissenschaftlich belegt. Der Aufprall der Wassermassen auf den Fels zerstäubt die Tropfen in feinste, elektrisch geladene Aerosolteilchen. Eine klinische Studie der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg hat nachgewiesen, dass regelmäßiger Aufenthalt in der Gischtzone — bereits eine Stunde täglich — Atemwegserkrankungen und allergisches Asthma messbar verbessert. Die Teilchen sind so klein, dass sie tief in die Lungen vordringen und dort entzündungshemmend wirken. Der Europarat hat die Wasserfälle mit seinem Naturschutzdiplom ausgezeichnet — eine Anerkennung, die nur an außergewöhnliche Naturstätten geht, die dauerhaft unter Schutz stehen.
Anreise: Von Königsleiten hinab ins Tal nach Krimml, rund 12 Kilometer, etwa 15 Minuten mit dem Auto. Parkplätze stehen beim WasserWelten Krimml Besucherzentrum zur Verfügung.
Beste Tageszeit: Vormittags bis früher Nachmittag — wenn die Sonne in die Schlucht fällt, entstehen in der Gischt die spektakulärsten Regenbögen.
Ausrüstung: Eine Regenjacke ist keine Empfehlung, sondern Pflicht. An den Kanzeln steht man mitten im Sprühnebel. Festes Schuhwerk ist wegen der dauerhaft feuchten Wegflächen ratsam.
Kombi-Ticket: Am Eingang gibt es ein kombiniertes Ticket für den Wasserfallweg und die angrenzenden WasserWelten Krimml — ein interaktives Erlebnishaus rund um das Thema Wasser, das den Ausflug auf einen vollen Tag ausweitet.
Saison: Mitte April bis Ende Oktober. Auch im Winter lohnt sich der Abstecher aus dem Skigebiet: Dann ist zwar nur der unterste Abschnitt begehbar, aber die Fälle zeigen bei Frost eine vollkommen andere, magische Seite aus bizarren Eisformationen, tiefer Stille und kaum Besuchern.
Hunde: Erlaubt, an der Leine.